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Wanderakademie 2018: Die Boscheben-Thesen

Vom 22. Bis 24. Juni 2018 fand ganz in der Nähe von Innsbruck die zweite Wanderakademie der VÖW statt. Das Prinzip ist einfach: Mit Gleichgesinnten über die ökologische Wirtschaftsforschung und und alles was damit verbunden ist sprechen, aber nicht in einem Seminarraum irgendwo in einer Stadt sondern in einem Gastraum auf 2000 Meter Höhe, vor der Hütte, auf einer Alm und unterwegs auf ein paar kleine Gipfel. Mindestens die Hälfte der Zeit wird mit wandern verbracht wenn das Wetter passt.

Die kleine Hütte Boscheben direkt auf der Bergkette südlich von Innsruck hatten wir dabei bis auf Tagesgäste ganz für uns, ein wunderschöner Fleck aber trotzdem gut zu erreichen mit dem Nachtzug und (nach Wunsch) der Gondel. Das Wetter wahr herrlich, vier Gipfel und viele Ausblicke mehr konnten wir mitnehmen. Dazu leckeres frisches Essen, das eine oder andere Weizenbier und tolle Menschen. Am Samstag hatten die Österreicher noch ein besonderes Highlight für uns geplant: Zur Sonnwende leuchtete in der späten Dämmerung plötzlich hunderte von Feuern auf der Innsbrucker Nordkette auf, wir hatten den besten Logenplatz um sie zu genießen.

Aber es war nicht nur schön dort, es war auch produktiv. Es gab keine festen inhaltlichen Vorgaben, und das Thema des „Guten Lebens in den Wirtschaftswissenschaften“ war hinreichend weit. Deshalb ging es auch um einiges, von ethischen Fragen der Klimapolitik über die provokanten Aussagen im neuen Buch von Fred Luks aber natürlich auch um das Gute Leben. Entstanden dabei sind die „Boscheben Thesen“. Sie geben sicherlich nicht die volle Komplexität der Diskussionen wieder. Aber sie decken die zentralen Fragen ab, und werden sicherlich hier oder da von uns weiterdiskutiert werden. Spannend waren unter anderem die verschiedenen Verwendungen von „Gut“. In vielen Diskussionen, auch Indikatorensystemen, wird vom Guten Leben als einem schönen Leben gesprochen, als einem Leben das gut tut. Aber das lässt eine ganz zentrale Bedeutung fallen: Gut sein. Ein gutes Leben führen. Sich an moralische Regeln halten, auch wenn es schwierig ist, diese festzulegen.

 

 

Die Boscheben-Thesen

1. Gutes Leben als Konzept kann nicht wertneutral diskutiert werden. Die Wirtschaftswissenschaften haben das bislang ignoriert oder reduktionistisch konzipiert.

2. Das Gute Leben des Einzelnen kann nur eingebettet sein in das Gute Leben anderer bzw. aller gedacht werden.

3. Das Gute Leben muss nachhaltig sein.

4. Dafür reicht eine Bestimmung des Guten Lebens auf Basis der Sammlung existierender Vorstellungen von Menschen nicht aus ( vgl. OECD Better Life Index).

5. Die dem Nachhaltigkeitsdiskurs zugrunde liegende Gerechtigkeitsvorstellungen bilden den Rahmen für die Bestimmung des Guten Lebens (plurale Vorstellungen möglich).

6. Die damit einhergehenden Einschränkungen bestehender Rechte und Privilegien müssen neu ausgehandelt werden (vgl. Sandel, Blühdorn)

7. Das Gute Leben des Einzelnen endet da, wo das Gute Leben der anderen eingeschränkt wird (intra- und intergenerativ)

8. Einige der heute praktizierten Mittel zur Erreichung des Guten Lebens (im Sinne der Befriedigung zentraler Bedürfnisse) müssen radikal verändert werden.

9. Wir täuschen uns darüber wieviel materieller Wohlstand für das Gute Leben notwendig ist.

10. Es ist möglich Gutes Leben in nachhaltigen Gerechtigkeitsrahmen zu führen; dafür sind jedoch radikale Änderungen der Mittel, Lebensweisen und empfundenen Bedürfnissen notwendig.